Gründerteam Giromatch

Start-up des Monats

Start-up des Monats: GIROMATCH


Abspecken beim Prozess der Kreditvergabe


Der Gedanke einer Unternehmensgründung hatte Robin Buschmann seit dem Studium nicht mehr losgelassen. Kein Wunder, die HHL Leipzig Graduate School of Management, wo der heute 37-Jährige Finanzen und Operation Management studiert hat, ist stark vom Gründergeist geprägt. Dort habe er zahlreiche Kommilitonen erlebt, die nach dem Studium erfolgreich ihr eigenes Unternehmen auf die Beine gestellt hatten, erinnert sich Buschmann.

Nach einem Erststudium bei der Dresdner Bank sowie sechs Jahren Erfahrung als Analyst im Portfoliomanagement des Fixed Income Teams der Deutschen Bank war es 2013 schließlich soweit. Buschmann, der des Bankings wegen 2008 von Berlin nach Frankfurt gezogen war, machte sich auf die Suche nach einem sich ergänzenden Team, das ebenso wie er „sein eigenes Ding machen wollte“, wie er sagt. Über Xing, ein soziales Netzwerk für berufliche Kontakte, stieß er bei der Suche nach einem Risikomanager auf Viktor Kraus (Jahrgang 1983). Kurz danach war mit Daniel Conradt (Jahrgang 1979), der seit 15 Jahren in der IT-Welt zu Hause ist, das Kleeblatt perfekt. „Wir verstehen uns als ein komplementäres Team“, sagt Buschmann. Und ganz nebenbei ist das Verständnis so gut ausgeprägt, dass man „gerne auch zusammen ein Bier trinken geht“.
Gemeinsam riefen die drei schließlich am 27. Juni 2014 die GIROMATCH GmbH mit Sitz in Frankfurt ins Leben – ein Projekt, das nichts Geringeres als die Demokratisierung des Bankings zum Ziel hat. Durch die Dezentralisierung des Einlagenkreditgeschäfts werden bei Giromatch Anleger und Darlehensnehmer direkt zusammengebracht. Auf diese Weise würden systemische Risiken des Bankensystems eliminiert, erläutert Risikomanager und COO Kraus, weshalb Giromatch in der Lage sei, innovative und preiswerte Finanzprodukte für Anleger und Darlehensnehmer anzubieten. Das angelegte Geld wird den Darlehensnehmern auf der GIROMATCH-Plattform zur Verfügung gestellt. Die monatlichen Rückzahlungen und Zinsen, die ein Darlehensnehmer zahlt, werden direkt an die Anleger weitergeleitet.

Doch der Reihe nach. Zunächst hatten die Jungunternehmer anderthalb Jahre lang an ihrem Kernbankensystem getüftelt, das von Anfang an dem Gesichtspunkt der Automatisierung untergeordnet war. „Wir haben einen sehr schlanken Prozess entwickelt, bei dem man kaum mehr eingreifen muss“, macht CTO Conradt klar. So bringt die Automatisierung und Fokussierung auf digitale Lösungen neben deutlich vereinfachten Prozessen sowohl für Anleger als auch Darlehensnehmer enorme Kostenvorteile. „Der Clou daran ist, dass beim Digitalisieren des Kreditvergabeprozesses Kostenvorteile ohne Qualitätsverlust bei der Kreditvergabe gehoben werden können“, erläutert Buschmann. Er, der als CEO die Bereiche Recht, Finanzen und Marketing verantwortet, schätzt, dass Giromatch auf diese Weise gegenüber klassischen Banken einen Abwicklungsvorteil von rund 200 Basispunkten hat. Dieser wiederum spiegelt sich bei Giromatch in sehr günstigen Konditionen für Darlehensnehmer und attraktiven Renditen für Anleger wider. Von Kreditzinsen über beispielsweise 4,5 Prozent für ein fünfjähriges Darlehen könnten daher rund 3,5 Prozentpunkte an Anleger weitergereicht werden.

Risikomanagement mittels Algorithmus

Hinzu kommt ein explizit strenges Risikomanagement. Durch einen von GIROMATCH entwickelten Matching-Algorithmus können Anleger in ein automatisch stark diversifiziertes Deutschlandportfolio investieren und somit ihre Risiken minimieren. „Der Algorithmus überwacht alle geprüften Darlehensprojekte auf unserer Plattform und zerlegt diese in viele kleine Teilstücke, um dadurch eine möglichst optimale Verteilung der Teilstücke unter allen Anlegern zu erreichen“, sagt Risikomanager Kraus. Dabei würde die Streuung für jeden Anleger maximiert und das Risiko durch die Verteilung auf unterschiedliche Projekte reduziert. Die Zusammensetzung des Portfolios variiert je nach Höhe der Anlage und beinhaltet mindestens fünf und maximal 100 unterschiedliche Darlehensprojekte. Die Anleger erhalten damit Zugang zu einer Anlageklasse, die bisher vorwiegend Banken zur Verfügung stand.

Die Darlehen selbst werden von der als Serviceinstitut agierenden Fidor Bank in München vergeben. Im Anschluss werden die Darlehensforderungen durch die GIROMATCH Services GmbH von der Servicebank angekauft und an die Anleger weiterverkauft. „Durch die Kooperation mit einer erfahrenen Servicebank ermöglichen wir einen reibungslosen Ablauf für alle Parteien“, versichert Buschmann.

Dennoch war den Jungunternehmern von Anfang an klar, dass es für GIROMATCH als FinTech nicht leicht sein würde, an Endkunden heranzukommen. „Die Marke einer Bank hat bei den Kunden immer noch Gewicht“, so Buschmann. Aus diesem Grund wurde eine White Label-Strategie aufgesetzt, die im Moment mit zwei Banken realisiert werden soll. Ziel dabei ist es laut Buschmann, die gesamte Wertschöpfungskette des Kreditvergabeprozesses umzusetzen, um möglichst viel Kosten zu sparen.  Aus diesen Gründen, so Buschmanns Überzeugung, werde die gesamte Wertschöpfungskette der Kreditinstitute in Zukunft neu verteilt werden. „Wenn die Profitabilität der Kreditwirtschaft wieder steigen soll, kommt die Branche um Ausgliederungen nicht herum“, ist sich das Trio von Giromatch sicher.

Finanzierungsentscheidungen können binnen Sekunden getroffen werden

Gestartet ist das Jungunternehmen zunächst mit Verbraucherkrediten. In einem zweiten Schritt sollen Darlehen an Kleinunternehmer sowie Selbstständige folgen – je standardisierbarer, desto besser. Neben dem kostengünstigen „Produktionsprozess“ ist es die Art der Akquise, die dabei für potentielle Bankpartner interessant sein könnte. GIROMATCH hat ein Verfahren entwickelt, bei dem Finanzierungsentscheidungen innerhalb von Sekunden getroffen werden können – und zwar direkt am Point of Sale, also etwa im Möbelgeschäft oder Online. In 20 Sekunden könne die Bonität des Kunden verifiziert werden, inklusive Schufa-Abfrage, Einblick ins Gehaltskonto und Ausfertigung des Kreditvertrags. „Damit können wir über agile Schnittstellenentwicklung den Kreditzugang zu anderen digitalen Geschäftsmodellen herstellen und somit sogar Neukunden für Banken dort gewinnen, wo Banken selbst schwer hinkommen“, so Buschmann.

Seine Finanzierung hat das Start-up in den ersten beiden Jahren zunächst aus eigener Kraft gestemmt – „mit hohem privaten Risiko“, wie Buschmann sagt. 2014 kamen die Jungunternehmer in den Genuss einer EXIST-Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums, bevor Ende 2015 in einer kleinen Finanzierungsrunde von Business Angels und aus dem Bankenumfeld 500.000 Euro aufgebracht wurden. Im Februar 2017 konnte schließlich eine knappe Million Euro von Asset Managern und über den Landesfonds Hessen Kapital mobilisiert werden. Bis Anfang 2018 sind neue Partnerschaften geplant, um möglichst schnell einen positiven Cash-Flow erzielen zu können. Dabei würden die drei Gründer, die derzeit zusammen zwei Drittel der Anteile an GIROMATCH halten, natürlich ein organisches Wachstum des Start-ups bevorzugen, um möglichst viele Anteile der Firma selbst zu behalten.

Ein kurzfristiges Ziel ist es, die Mitarbeiterzahl noch 2017 auf 20 zu verdoppeln. Langfristig wollen sie ein führender Anbieter im Bereich „API-Banking“ werden – also überall dort präsent sein, wo am Point of Sale aktuell ein Kredit nachgefragt wird. Dies kann unter dem eigenen Label geschehen oder eben unter der Marke einer Bank. „Weil wir hier für alle Parteien Vorteile generieren, sehen wir gute Perspektiven, uns im automatisierten Banking fest etablieren zu können“, resümiert Buschmann.

Von Thomas Spengler, Juni 2017
Bilder: GIROMATCH GmbH

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