Startup des Monats

Startup des Monats: GETSURANCE

Schnell und unkompliziert – der Versicherungsabschluss im Netz

 

Am Anfang stand der Ärger über lähmende Bürokratie bei einem Versicherer. Viktor Becher wollte lediglich seine Berufsunfähigkeitsversicherung ändern – eine unkomplizierte Angelegenheit, wie man denken sollte. Doch weit gefehlt, in der Summe zog sich das Procedere zwischen Kunde, Versicherer und Versicherungsagentur umständlich via Briefverkehr über fünf Monate hin. Als der frustrierte Kunde diese Erfahrung mit seinem Bruder Johannes Becher teilte, witterten die beiden aber die Riesenchance für eine neue Geschäftsidee. „Wir erkannten, welches Potential in der digitalen Entwicklung und dem Vertrieb von Versicherungsprodukten stecken würde“, sagt Viktor Becher rückblickend. Und wie so oft, wurde auf diese Weise der Ärger über das kundenunfreundliche Verhalten eines etablierten Anbieters zum Nährboden für eine neue Geschäftsidee.  

Die beiden Gründer brachten dafür nahezu ideale Voraussetzungen mit. Viktor Becher (Jahrgang 1983), selbst IHK-geprüfter Versicherungsfachmann, war lange als Software-Ingenieur bei Siemens tätig. Johannes Becher (Jahrgang 1986) hatte zuvor als eine Art Interimsgründer bei Rocket Internet bereits mehrere Startups auf den Weg gebracht. „Er hat mich mit der Gründerszene in Kontakt gebracht und in mir die Lust auf eine eigene Firma geweckt“, erzählt COO Viktor über seinen Bruder.  

Bereits wenige Monate nach der ärgerlichen Erfahrung mit der Versicherung riefen die beiden im März 2016 die Young Finance GmbH mit der Marke Getsurance in Berlin ins Leben – ein in Anlehnung an die Fintechs „Insurtech“ genanntes Startup, das eigene Versicherungsprodukte entwickelt und vertreibt, die günstig, schnell und digital abgeschlossen werden können – „wann und wo immer man will“, wie CEO Johannes Becher erläutert. Damit biete man die Möglichkeit eines unkomplizierten Online-Abschlusses – „genau das, was die junge Generation verlangt“, macht der CEO klar. Wenn man als Kunde weiß, was man will, kann man sich bei Getsurance in fünf Minuten bis zum Versicherungsabschluss durchklicken. Wer Hilfe braucht, kann die Firma „anchatten“ oder per Mail und Telefon Kontakt aufnehmen. „Persönliche Beratung ist gewährleistet“, so Viktor Becher.

Gestartet ist Getsurance im Juni 2017 zunächst mit dem Angebot einer Berufsunfähigkeits­versicherung, der ersten ihrer Art, deren Abschluss ohne lange Fragebögen möglich ist, sondern auf unkomplizierte Weise über das Internet. Weder Arztbesuche noch eine Unterschrift sind dabei nötig - der Kunde gibt auf der Internetseite von Getsurance Auskunft über seine gesundheitliche Situation und schickt den Antrag online ab. Stand Oktober liegt die Zahl der auf diesem Weg gewonnenen Kunden im dreistelligen Bereich. „Ein guter Auftakt“, sagen die Brüder über den Start ihres Startups, das formal als Produktvermittler fungiert.    

Risikoträger ist die Squarelife Lebensversicherungs-AG in Liechtenstein, die Getsurance ihre Lebensversicherungslizenz zur Verfügung stellt und bei Berufsunfähigkeit dem Kunden auch seine Rente auszahlt. Als Rückversicherer steht dahinter die Reinsurance Group of America (RGA), die als eines der führenden, international tätigen Rückversicherungsunternehmen gilt. RGA ist es auch, mit der Getsurance seine Produkte zusammen entwickelt. Nach der Berufsunfähigkeits­police sollen im kommenden Jahr Angebote einer Risikolebensversicherung und einer Pflegezusatzversicherung folgen. „Unser Ziel ist es, das gesamte Spektrum der Personenversicherungen abzudecken“, sagen die Gründer.  

Aber dazu bedarf es Kapitalgeber. Während der bisherigen Historie ihres Jungunternehmens konnten die Brüder dafür im April 2016 mit Michael Franke und Katrin Bornberg, Gründer der Ratingagentur Franke und Bornberg GmbH in Hannover, zwei Business Angels gewinnen, welche die ersten 500.000 Euro an Eigenkapital beisteuerten. Mit diesem Auftakt gelangen die Entwicklung der Website sowie die Entstehung erster Services und erste Schritte in Richtung Produktentwicklung. Im April 2017 folgte eine zweite, wesentlich größere Finanzierungsrunde, in deren Rahmen drei namhafte öffentliche und private Geldgeber insgesamt zwei Millionen Euro aufbrachten. Dazu gehören Picus Capital von Alexander Samwer, die PostFinance, eine Tochtergesellschaft der staatlichen Schweizerischen Post, sowie die IBB Beteiligungsgesellschaft (IBB Bet) in Berlin.  

Für das kommende Jahr peilt Getsurance nun eine weitere Finanzierungsrunde an – „und zwar in großem Stil“, wie Johannes Becher sagt. Neben der Entwicklung der neuen Produkte soll damit die Expansion nach Österreich und in die Schweiz vorangetrieben werden. Wieviel Kapital dafür genau benötigt wird, wisse man noch nicht genau. Aber das Geschäft, das sie betreiben, sei durchaus kapitalintensiv, wissen die Brüder. Insbesondere die Personalkosten für Softwareentwickler und der Marketingaufwand in einem hart umkämpften Markt schlagen ins Kontor. Derzeit agiert Getsurance mit zwölf Mitarbeitern, will aber auch hier weiter wachsen.  

Ob es auch denkbar sei, dass ein anderer Versicherer bei Getsurance einsteigen könnte? Soweit die Chemie stimmt, wolle er das nicht ausschließen, sagt Viktor Becher. Und wenn man darüber hinaus auch noch vom Kundenstamm eines solchen Partners profitieren würde, könnten sich in einer solchen Konstellation durchaus Synergien ergeben. So, wie er ohnehin das Angebot von Getsurance als Ergänzung zur bisherigen Versicherungsbranche sieht. Zwar gebe es hin und wieder Kritik von Versicherungsmaklern, die Versicherer selbst aber zollten der Aufbauarbeit von Getsurance hinter vorgehaltener Hand durchaus Respekt, verrät Becher.  

Und wohin wird sich das Projekt in einem Zeitraum von fünf Jahren entwickelt haben? Nun, man werde bis dahin weiteres Kapital im zweistelligen Millionenbereich aufgenommen haben, sagen die Brüder unisono. Und Getsurance dürfte europaweit tätig sein – als Marktführer digitaler Personenversicherungen.

Von Thomas Spengler, November 2017
Bilder: Getsurance GmbH