Startup des Monats

Startup des Monats: First Momentum Ventures

VC-Pioniere auf dem Campus

Ein Hauch von Silicon Valley weht durch die Pioniergarage in der Karlsruher Oststadt. Denn nicht von ungefähr erinnert der Name der Räumlichkeiten im Herzen der Karlsruher Startup-Szene an die legendäre Garage in Palo Alto, wo die Studenten William Hewlett und David Packard mit der Gründung ihrer eigenen Elektronik-Company anno 1989 die Basis für die erste High-Tech-Region der Welt legten. Wie deren Professor Frederik Terman die beiden damals dazu ermuntert hat, nicht einen gut bezahlten Job bei einer etablierten Company anzunehmen, sondern ihr eigenes Ding zu machen, fördert die Pioniergarage in Karlsruhe die Begeisterung von Studenten an der Realisierung ihrer eigenen Business-Idee. Im Rahmen dieser Hochschulgruppe des KIT (Karlsruher Institut für Technologie), die als eingetragener, gemeinnütziger Verein agiert und als größte studentische Initiative für Entrepreneurship gilt, wurde auch die Saat für ein Startup gelegt, das sich aufgemacht hat, Europas größter studentischer VC-Fonds zu werden.

Im Mai vergangenes Jahres entschlossen sich dort die Studenten Sebastian Böhmer, Andreas Fischer, Alexander Kaiser, Karl Lorey und Benedikt Stolz ihre Erfahrungen, die sie in der Pioniergarage zum Thema Gründung gemacht hatten, in die Tat umzusetzen. Dies war die Geburtsstunde der First Momentum Ventures, dem ersten von Studenten ins Leben gerufenen Venture Capital Fund. Motto: Von Studenten für Studenten. Im sogenannten Launchpad, einem von Sponsoren unterstützten studentischen Inkubator der Pioniergarage, hatte man schnell die passenden Räumlichkeiten gefunden – „ein Ort, an dem junge Gründer und Studierende auf dem Weg zum eigenem Unternehmen günstige Arbeitsplätze und die passende Infrastruktur finden, um richtig durchzustarten“, wie es Gründungsmitglied Andreas Fischer beschreibt.

In zahlreichen gemeinsamen Projekten hatte das Quintett, von dem noch vier an der Uni eingeschrieben sind, zuvor jede Menge über Gründerkultur und Gründungsbausteine gelernt. Und nachdem die fünf ambitionierten Jungunternehmer mehrere Regionen und Gründerzentren weltweit bereist hatten, war ihnen bald klar, an was es dem „Ökosystem Gründerkultur“ in Deutschland und Baden-Württemberg mangelt. „Es ist die fehlende Finanzierungsstruktur in der frühen Seedphase“, erläutert Sebastian Böhmer, der bei First Momentum für Fundraising und Rechtsfragen zuständig ist. Hier weise der Südwesten tatsächlich eine Strukturschwäche auf. Dabei liegt es First Momentum fern, die Aufstellung der Wirtschaft in Baden-Württemberg zu kritisieren. Ohne Zweifel, die Industrie sei hierzulande leistungsstark und intakt, machen die Gründer klar. Dennoch hätten sich mittlerweile junge Industrien insbesondere im Online-Bereich entwickelt, die in immer kürzeren Intervallen disruptiven Veränderungen unterliegen. „Startups, die in diesen Bereich tätig sind, benötigen häufig sehr viel Geld – und das sehr, sehr schnell“, macht Böhmer klar. Für solche Firmen geht es bereits in einer sehr frühen Phase um alles oder nichts. „Go big or go home“, beschreibt Böhmer dieses Motto. Oder: „The winner takes it all.”  

Gründerkultur nach internationalen Vorbildern

Auf Reisen in die USA hat das Team von First Momentum festgestellt, dass es dort eine ausgeprägte Alumni-Kultur gibt, in deren Rahmen sich Uni-Absolventen vielfach finanziell an Entrepreneurs ihres ehemaligen Campus beteiligen. Und was in den Vereinigten Staaten Privatleute in die Hand nehmen, übernimmt in China der Staat, der sich dort selektiv bei hoffnungsvollen Jungunternehmen engagiert. „In Deutschland, wo sich die Gründerszene stark auf Berlin konzentriert, fehlt aber dieser Baustein, mit dem Jungunternehmen, die zu schnellem Wachstum verdammt sind, unter die Arme gegriffen wird“, bemängelt Böhmer. Und genau diese Lücke will First Momentum schließen.

Dabei haben sich die Gründer Modelle wie den Dorm Room Fund in den USA, Wave Ventures in Finnland oder Campus Capital in England zum Vorbild genommen, die allesamt Projekte in einer frühen Seedphase unterstützen. Dafür hat sich First Momentum ein ausgedehntes Netzwerk erschlossen, was sich auch in dessen Beirat ausdrückt, der sich wie ein Auszug aus dem „Who is Who?“ der deutschen VC-Szene liest. Natürlich sei es eine Herausforderung, den Bogen von der Seminararbeit zum 500.000 Euro schweren Projekt zu spannen, gesteht Böhmer zu. Aber aufgrund seines unermüdlichen Wissensdrangs hat sich das engagierte Quintett tief in die Thematik der frühen Unternehmensgründung hineingearbeitet. Als eines ihrer Alleinstellungsmerkmale nennen sie darüber hinaus ihren akademischen Stallgeruch. „Während Business Angels ihre lange berufliche Erfahrung einbringen mögen, sprechen wir die Sprache der studentischen Generation“, so Böhmer. Außerdem ist das Team immer bereit, die Startups „hands on“ als Sparringspartner zu unterstützen. Darüber hinaus nennt Böhmer eine ausgeprägte Gründerfreundlichkeit von First Momentum, weil man eben nicht nur die Seedfinanzierung, sondern auch stets die Folgefinanzierung im Auge habe.

Größter studentischer Kapitalgeber in Europa 

„So effizient, wie wir aufgestellt sind, können wir schnell viele Türen öffnen und innerhalb von wenigen Wochen ein Investment vermitteln“, sagt Böhmer. Die investierbaren Mittel, die First Momentum dafür eingeworben hat, betragen aktuell 1,4 Millionen Euro - bei einem Zielvolumen von fünf Millionen Euro, womit das Startup zu einem der größten studentischen Kapitalgeber in Europa herangewachsen sind. Die ersten Finanzierungsrunden, die Karlsruher Jungunternehmer deutschlandweit stemmen wollen, bewegen sich in einer Größenordnung von 20.000 und 100.000 Euro.

Neben der landeseigenen L-Bank haben sich Unternehmer, Leute aus der Beteiligungsbranche, Business Angels aber auch Personen mit altruistischem Hintergrund an dem Fonds von First Momentum beteiligt. „Damit haben wir eine Investorenbasis, die unternehmerisch denkt“, so Böhmer. Daneben haben sich die fünf Gründer auch selbst beteiligt - „hart an der Schmerzgrenze“, wie Böhmer sagt. Bei seinen Investitionen konzentriert sich First Momentum auf das erste Gründerjahr. Die Startups kommen in der Regel aus dem technologisch-innovativen Bereich, aber auch aus den Sektoren IT und Energie. Allesamt sollten sie im B-to-B-Bereich tätig sein. Neben der Bereitstellung von Eigenkapital reicht die Unterstützung von First Momentum von der Vernetzung mit Investoren über die Vorbereitung der nächsten Finanzierungsrunde bis zum Recruitment technischer Teams oder der Unterstützung beim Aufsetzen des Gesellschaftervertrags.

Für all diese Leistungen entstehen den Startups, in die der Fonds investiert, keine Kosten. Doch wie finanziert sich First Momentum dann? Der Fonds, der von der BaFin reguliert ist, erhält eine Verwaltungsgebühr und eine Gewinnbeteiligung („Carry Interest“) im gleichen Verhältnis zum verwalteten Kapital, wie dies bei größeren Venture Capital-Fonds der Fall ist. Ein Auskommen für die Gründer von First Momentum ergibt sich daraus nach heutigem Stand, weil ihr „studentischer Finanzierungsbedarf“ noch sehr bescheiden sei, wie die fünf sagen, die alle noch zwischen 23 und 28 Jahren alt sind.

Für die Zeit bis 2019 steht nun die Einwerbung des fünf Millionen Euro schweren Fonds an. Parallel dazu wird bereits investiert, bis die Mittel im Idealfall über drei Jahre ausinvestiert sind. „Was dann kommt, wird sich zeigen“, sagt Böhmer. Von einem gut vernetzten Startup mit einem ambitionierten Team, das durch sogenannte First Momentum Ambassadors bundesweit präsent ist, dürfte man jedenfalls noch einiges erwarten können. Dafür steht auch das Ziel, an deutschen Unis flächendeckend als Ansprechpartner für Startup-Teams mit ehrgeizigen Wachstumsambitionen vertreten zu sein.

Von Thomas Spengler, Juni 2018