Xavin Gründer

Start-up des Monats

Start-up des Monats: XAVIN

Ein Joker für die Finanzierung von Vereinsprojekten

 

Genau genommen agiert Tobias Ungerer noch im Vorfeld seiner eigentlichen Start-up-Gründung, die im ersten Quartal 2018 erfolgen soll. Aktiv mit der Vorbereitung befasst sich der Master-Absolvent der Uni Hohenheim aber bereits seit Oktober 2016, als er mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) einen Partner zur Umsetzung einer Plattform für Crowd Investing gefunden hat.

Doch der Reihe nach. Als Ungerer (Jahrgang 1986) im Jahr 2016 sein Managementstudium an der Universität Stuttgart-Hohenheim abgeschlossen hatte, war für ihn rasch klar, dass er sich mit der Gründung eines Unternehmens befassen wolle. „Ich war entschlossen, ein Start-up auf die Beine zu stellen“, erinnert er sich. Zufällig stieß Ungerer im Oktober 2016 auf den Start-up-Inkubator Activatr der Pioniergeist GmbH in Stuttgart, die sich zum Ziel gesetzt hat, Unternehmertum und Gründungskultur zu fördern. Der Ansatz von Activatr besteht darin, etablierte Unternehmen wie Bosch, Stihl oder die LBBW mit der Startup-Kultur zusammenzubringen – sozusagen das Beste aus zwei Welten zu vereinen, um gemeinsam innovative Geschäftsmodelle entwickeln. Hierbei ist Ungerer als Start-up Talent auf die LBBW als starken Corporate-Partner gestoßen.

Im Rahmen des Inkubator-Programms der Pioniergeist GmbH war die Bildung eines Gründerteams erfolgt, das neben Ungerer noch drei Bank-Mitarbeiter umfasst. Gemeinsam ertüftelte man sich unter dem Fantasienamen Xavin ein Konzept für das Crowd Investing für regionale und emotionale Vereinsfinanzierung. Als sich die LBBW im Dezember 2016 schließlich entschloss, das Projekt fortzuführen, floss erstmals Geld im niedrigen dreistelligen Tausenderbereich, das insbesondere für die Entwicklung des Geschäftsmodells, technische Investitionen, Marketing und Vertrieb eingesetzt wurde. Für die LBBW stehen vor allem strategische Gesichtspunkte bei dem Engagement im Vordergrund. Themen wie Digitalisierung und agiles Arbeiten stellen wichtige Zukunftsfelder für die Bank dar.

Inzwischen ist Xavin als komplettes Projekt unter dem Dach der Bank angesiedelt. Rein räumlich agiert das Jungunternehmen aber weiterhin von der Stuttgarter Marienstraße bei der Pioniergeist GmbH aus - unserem „Geburtshelfer“, wie Ungerer sagt. Dort wurde ihm Starthilfe in Form von Seminaren gegeben. Und per Coaching hat man die beiden Welten aus Start-up- und Corporate-Kultur auf einen Nenner gebracht. „Wir verbinden die Stärken aus der wirtschaftlichen Expertise des Ökosystems der Region mit den Stärken eines Start-ups“, so Ungerer. Während die LBBW die Expertise ihrer Mitarbeiter, die allerdings nicht Vollzeit für Xavin arbeiten, in das Projekt einbringt, lernen diese umgekehrt von der Arbeitsweise eines Start-up Talents wie Ungerer. „Start-up-Leute bringen immer Tempo rein“, sagt er. Andererseits profitiert die Neugründung von der Reputation der Bank, was den „Marktzugang enorm erleichtert“, so Ungerer.

Und was aber macht den Kern des Geschäftsmodells von Xavin aus? „Wir bieten Vereinen eine Plattform, mit deren Hilfe sie die passenden Unterstützer für die Umsetzung ihrer Projekte finden“, so Ungerer. Hierbei geht es vor allem um Infrastrukturprojekte wie zum Beispiel die Renovierung oder den Neubau von Vereinsgebäuden, neue Kunstrasen- oder Tennisplätze, Spielanlagen, also vor allem um nachhaltige und langfristige Investitionen.

Xavin vermittelt dafür eine Finanzierungsoption, die ergänzend oder alternativ zur klassischen Bankfinanzierung umgesetzt werden kann. Im Gegenzug haben die Mitglieder, aus denen die Unterstützer in der Regel bestehen, die Möglichkeit zur Geldanlage direkt bei ihrem Verein. Diese können den Verein mit einem Darlehen bei der Finanzierung unterstützen und erhalten dafür nicht nur einen Zinssatz in der Größenordnung von 1,5 bis 2,2 Prozent, sondern auch „eine emotionale Rendite“ durch das umgesetzte Projekt. Xavin kümmert sich dabei um alle rechtlichen und administrativen Themen. Der eigentliche Darlehensvertrag kommt aber direkt zwischen dem Verein und dem Anleger zustande. Für Xavin bleibt eine Vermittlungsgebühr in Höhe von vier Prozent des Darlehensbetrags hängen, jährlich kommt noch eine Verwaltungsgebühr von einem Prozent hinzu.

Für den Verein wäre es wegen der Zinszahlungen, die er leisten muss, zwar vorteilhafter, derartige Projekte über Spenden zu stemmen. Doch die Größenordnung der Beträge von 50.000 Euro oder mehr, die eingesammelt werden sollen, sind über Darlehen schneller aufzubringen. In der Regel reichen dafür 15 bis 25 Unterstützer, die ohnehin weitgehend aus dem Mitgliederbereich stammen. Somit liegt der typische Anlagebetrag zwischen 2.500 und 3.000 Euro pro Darlehensgeber. Was die Unterstützer dabei wissen müssen ist der Umstand, dass sie auch einen Totalverlust erleiden können. Denn weil der Verein vor einer Insolvenz durch eine solche Finanzierung gefeit sein soll, werden die Darlehen als nachrangig eingestuft. Damit hat das Darlehen, das zwar für den Verein Fremdkapital darstellt, einen mezzaninen Charakter – ist also sehr eigenkapitalähnlich. Die späteren Zinszahlungen an die Anleger sind in eine Spende umwandelbar.

Bisher konnte Xavin drei Finanzierungsprojekte realisieren, die insgesamt 200.000 Euro umfassen. Das erste Projekt wurde mit dem Tennisclub TCW Straubenhardt umgesetzt. Hierbei wurden 55.000 Euro für zwei neue Hallenplätze, einen Außencourt für den Nachwuchs sowie die Erneuerung der sanitären Anlagen eingesammelt.

Vorher

Nachher

Nachher

Im zweiten Projekt sind in kurzer Zeit für den MTV Stuttgart 82.000 Euro zugunsten eines Abenteuerspielplatzes zusammengekommen. Und schließlich sammelte man für den TuS Bilfingen 56.000 Euro für einen neuen Seminarraum der Vereinsjugend. Während man in der Regel mit einer Zeit von 31 Tagen für das Einsammeln der Gelder rechnet, kamen die Darlehensbeträge bereits nach durchschnittlich 20 Tagen zusammen.

Nachdem sich die LBBW entschlossen hat, sich bei Xavin weiter zu engagieren, soll im ersten Quartal 2018 aus dem bankinternen Projekt eine extern geführte GmbH werden. „Wir sind uns darüber klargeworden, dass wir außerhalb der Bank schneller voran kommen“, so Ungerer. Gleichzeitig hält man die Augen nach neuen, ergänzenden Kooperationspartnern auf, der sich auch finanziell beteiligen könnte. „Optimalerweise sollten diese uns auch strategisch unterstützen können“, sagt Ungerer. Damit wären auch die Voraussetzungen geschaffen, dass Xavin sein Ziel, bis 2019 die Summe der bis dahin realisierten Darlehensbeträge in eine zweistellige Millionenhöhe zu schrauben, erreichen kann. In fünf Jahren soll dieses Volumen schließlich zu einem dreistelligen Millionenbetrag anwachsen. 

Von Thomas Spengler, Dezember 2017
Bilder: Xavin

Xavin Website