Start-up des Monats

Start-up des Monats: RoadAds interactive GmbH

Rollende Werbe-Displays, die mitdenken

Zunächst war es eine Schnapsidee, die Andreas Widmann vor etwa acht Jahren zusammen mit seinem Vater Bernd Widmann am heimischen Küchentisch gesponnen hatte. Warum sollte man LKW-Flächen nicht schlauer nutzen können – etwa, indem man die dort angebrachte Werbung auf einem Display dem wechselnden Standort anpassen würde, fragten sich die beiden vor acht Jahren. Nachdem er die Idee zunächst wieder verworfen hatte, bastelte der heute 26-Jährige für das Startup-Weekend Rhein-Neckar in Heidelberg im April 2015 auf Basis der Kindle-Technik das Modell eines LKW-Displays. „Und es hat wie eine Bombe eingeschlagen“, erinnert sich Widmann. Die große Resonanz, die das Modell erfuhr, machte Vater und Sohn schließlich klar, dass das Thema mehr war als nur eine Schnapsidee.

Also verfolgten sie das Thema weiter, große Displays für LKW-Heckflächen zu bauen, auf denen wechselnde Werbemotive gezeigt werden können. So riefen Vater und Sohn im November 2015 die RoadAds interactive GmbH ins Leben, die im „Seed-Raum“ des Mannheimer Gründungszentrums Mafinex ihre erste Geschäftsadresse bezog. Für Geschäftsführer Andreas Widmann, der einen Bachelorabschluss in Biologie hat, aber immer schon ein „Tekkie“ gewesen ist, galt es nun zu klären, wo passende E-Paper Displays zu beschaffen waren, die konform mit der Straßenverkehrsordnung sind. Fündig wurde er bei E Ink, dem Patentinhaber für elektrophoretische Displays, und Visionect, dem weltweit führenden Hersteller von ePaper Ansteuerungselektronik.

Innerhalb des nächsten halben Jahres wurde mit Unterstützung von Visionect der erste Prototyp entwickelt und in die Fertigung gegeben – finanziert mit Innovationsgutscheinen des Landes und unterstützt von der Daimler AG, die Widmann für ein Jahr einen kompletten LKW zur Verfügung gestellt hatte. Bis zum April 2016 konnte der Jungunternehmer schließlich den Prototypen fertigstellen, so dass er auf der LKW-Vollversammlung von Mercedes im Mercedes-Werk Wörth präsentiert werden konnte. In der Folge korrigierte Widmann Geburtsfehler am Gehäuse der Prototypen. Die zweite, verbesserte Version der Displays stellte das Jungunternehmen dann auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) im September 2016 vor, nachdem Nachbesserungen am Gehäuse abgeschlossen waren. Noch im selben Jahr gab’s dann im November für RoadAds interactive den mit 10.000 Euro dotierten Mannheimer Existenzgründerpreis.

Im nächsten Jahr wurde das Gehäuse und die Anbringung weiter verbessert und getestet, sowie die Plattform und Ansteuerungssoftware entwickelt. Seit November 2017 sind die ersten vier LKWs im Rahmen eines Pilotprojekts auf einer definierten Strecke zwischen Böblingen und Ungarn unterwegs und legen täglich jeweils etwa 1.000 Kilometer zurück. Hierbei soll die Belastungsfähigkeit, aber auch die Werbewirkung der Displays getestet werden. Bereits jetzt wurden unter anderem Kampagnen von Daimler, Krone, LGI und dem Stadtmarketing Stuttgart umgesetzt. Demnächst sollen neue Strecken erschlossen und weitere LKWs ausgerüstet werden.

Diese fahren auf ihren Heckflächen 64 Zoll große Displays aus E-Paper-Panels spazieren, die unbewegte Bilder in 16 Graustufen darstellen, die alle 30 Sekunden gewechselt werden. Über GPS wird die Position des Fahrzeugs auf fünf Meter genau bestimmt und der Inhalt vollautomatisch angepasst. So spielt RoadAds interactive die Werbung nur dort gezielt aus, wo sie nach Wunsch des Kunden auch gezeigt werden soll. Wenn also eine Autobahnraststätte für ihr Mittagsmenü in einem von ihr definierten Umkreis werben will, kann sie auf den LKW-Displays die entsprechenden Motive einspielen. Die rollenden Displays des Jungunternehmens sind damit so etwas wie Werbeflächen, die mitdenken. „Die Werbung ist immer im Sichtfeld der Autofahrer, ohne dass diese den Kopf drehen müssen. Inhalte werden automatisch wahrgenommen und lenken nicht vom Verkehrsgeschehen ab“, sagt Widmann. Als einzig zugelassenes Medium auf deutschen Autobahnen wird auch bei unaufdringlichen Darstellungen 2,5 Mal mehr Aufmerksamkeit generiert als durch eine stationäre Plakatfläche in der Innenstadt, heißt es bei dem Unternehmen. Täglich könnten so pro LKW beachtliche 50.000 Sichtkontakte generiert werden, wobei sich 97 Prozent der Autofahrer an den gezeigten Werbeinhalt erinnerten.

Die eigentliche Werbebuchung erfolgt über die Online-Plattform von RoadAds interactive, die Erstellung der Anzeigenmotive über den Bildeditor. Durch die ständige Verbindung zum Server lassen sich die Anzeigen nicht nur an Ort und Zeit, sondern auch an Wetter- und Verkehrssituation anpassen. Mit wenigen Klicks kann eine laufende Kampagne angepasst werden, und die Änderungen erscheinen in Echtzeit. Eine dazu gehörige Echtzeit-Statistik klärt darüber auf, wieviel Menschen wann und wo die Werbung gesehen haben.

Grundsätzlich sieht das Geschäftsmodell vor, dass das Jungunternehmen die LKWs ausrüstet und die Heckfläche anmietet. Der Preis ist dabei abhängig von der Strecke und der Zeit, wie lange der LKW auf der Straße ist. Der Eigentümer des LKW erhält dafür eine Monatsgebühr. Die Preise für den Werbekunden sind abhängig von der Buchungszahl, weshalb immer individuelle Angebote erstellt werden. Durch die digitale Schaltung lassen sich auch sehr kleine Werbebudgets ab etwa 100 Euro realisieren. Denkbar ist auch, dass ein Logistiker ein Display erwirbt, und er sich dann die Werbeeinnahmen mit RoadAds interactive teilt. „Wir sind im Moment noch offen für neue Preismodell-Ideen“, so Widmann.

Bisher hat RoadAds interactive noch kein Kapital von fremden Investoren aufgenommen. Als Starthilfe diente zunächst die öffentliche Förderung durch Innovationsgutscheine des Landes und Kreatech, ein Förderprogramm der Mannheimer Wirtschaftsförderung, wodurch insgesamt 45.000 Euro zusammenkamen. Ansonsten aber haben Vater und Sohn Widmann das Projekt privat finanziert. Seit Marktstart konnten außerdem rund 100.000 Euro Umsatz generiert werden. Doch nun braucht das Jungunternehmen einen Finanzierungsschub, um noch dieses Jahr 100 LKWs mit Werbe-Displays auszurüsten und die Vermarktung voranzutreiben. Dazu führe man mit Investoren bereits erste, vielversprechende Gespräche, sagt Widmann.

Der findige Gründer sieht die Zukunft für RoadAds interactive nicht nur in der Bewerbung von Tankstellen und Raststätten links und rechts der Autobahn. Nein, auch für kleinere Werbekunden, Supermärkte oder Sehenswürdigkeiten im Umfeld der Strecke seien die rollenden Displays interessant. „Überhaupt, jegliche Außenwerbung, die spezifisch eingesetzt wird oder ständig wechselt, kommt für unser Modell infrage“, so der Geschäftsführer. Daher können alle Autofahrer, die auch durch Radiowerbung erreicht werden, eine potenzielle Zielgruppe für die Kunden des Jungunternehmens sein. Entscheidend ist dafür, dass über die Online-Plattform von RoadAds interactive wechselnde Angebote in Echtzeit geschaltet werden können. So gesehen ist das Unternehmen mehr als ein Vermarkter von rollenden Werbedisplays. Ok, zunächst will Widmann sein System etablieren und eine relevante Größenordnung erreichen. Dazu soll auch die Erweiterung des Angebots auf andere Fahrzeugtypen wie Transporter oder Busse beitragen. Aber im Endeffekt erachtet er nicht unbedingt das Display als eigentliches Asset von RoadAds interactive, sondern die firmeneigene Online-Plattform, die der werbetreibenden Industrie in Echtzeit eine hohe Flexibilität und eine punktgenaue Verbreitung ihrer Botschaften bietet. „Ein echtes Asset“, wie Widmann meint. Und damit wäre das Geschäftsmodell des Mannheimer Startups auf alle möglichen Außenwerbeflächen erweiterbar, die nicht nur auf LKWs unterwegs sind.

Von Thomas Spengler, März 2018
Bild: Tröster