Start-up des Monats

Start-up des Monats: Getsafe

Die App, die Versicherungen neu ordnet

Die Idee kam Christian Wiens im Jahr 2014 beim Anblick des Ortes, an dem seine Eltern ihre Versicherungsunterlagen aufbewahrt hatten. Einen kompletten Schrank benötigten sie zur Archivierung der Ordner, die Policen und den Schriftverkehr mit vielen verschiedenen Versicherungsgesellschaften enthielten. „Dadurch wurde mein Problembewusstsein geschärft“, erzählt der gelernte Maschinenbauingenieur. Von da an ging es ihm darum, eine Lösung zu schaffen, die es einem Verbraucher einfacher macht, sich einen sinnvollen Versicherungsschutz aufzubauen, der zudem noch übersichtlich gestaltet werden kann.

Also machte sich der heute 33 Jahre alte Wiens daran, zusammen mit seinem Partner, dem Physiker Marius Blaesing (28), ein Konzept zu entwickeln, das die digitale Verwaltung eines individuellen Versicherungsschutzes via App vorsah. Bereits 2015 kam das inzwischen gemeinsam gegründete „Insurtech“, das sich fortan Getsafe Digital GmbH nannte, mit einer App an den Markt, die als digitaler Vertragsmanager fungierte – „nicht zuletzt, um rasch wertvolle Erfahrungen zu sammeln“, wie Wiens sagt.

Gleichzeitig verstärkten sich Wiens und Blaesing durch ihre beiden ersten Mitarbeiter, die aus der Versicherungsindustrie beziehungsweise dem Finanzvertrieb kamen, waren die Gründer doch beide branchenfremd. Die Betriebsräume waren damals in Wiens Heidelberger Wohnung angesiedelt. „Wir haben die Firma eben von Anfang an schlank gehalten“, so Wiens, der die Funktion des CEO übernommen hat. Sein Partner Blaesing agiert als CTO.

Erfolgreiche Investorensuche 

Im Frühjahr 2015 begaben sich die Jungunternehmer auf Investorensuche und wurden bei keinen Geringeren als den Samwer-Brüdern und Heinrich Blase, dem Gründer von Check24, fündig. Zunächst schossen beide zusammen eine halbe Million Euro Eigenkapital als Business Angels zu, bevor sie Ende des Jahres 2015 in größerem Stil mit einem höheren Millionenbetrag bei Getsafe einstiegen. Wenn Wiens und Blaesing heute davon erzählen, wie sie die Samwers und Blase für sich gewinnen konnten, klingt das fast schon märchenhaft. Man habe die Investoren einfach per Email angeschrieben, erinnern sich die beiden. Allein die Präsentation für den GFC am Frankfurter Flughafen dauerte gerade mal 15 Minuten. Dennoch warnt Wiens andere Startups davor, von einem kometenhaften Aufstieg zu träumen. „Es ist immer eine Berg- und Talfahrt, weshalb man auch mit Rückschlägen umgehen muss“, sagt er. Zugute kam Getsafe damals jedenfalls, dass sich Investoren 2015 zunehmend nach Projekten zur Digitalisierung der Finanzindustrie umgeschaut haben.  

Ende 2015 ging es dem Heidelberger Startup darum, den Wandel vom Online-Makler zum Versicherer einzuleiten. Das heißt, es sollten auch eigene Versicherungsprodukte entwickelt werden. Daher machten sich die Jungunternehmer erneut daran, weitere Investoren zu suchen. Nicht zuletzt dank der Business Angels, die bereits mit an Bord waren, konnten schließlich größere Fonds von einem Engagement überzeugt werden. So brachten in einer dritten Finanzierungsrunde CommerzVentures, der VC-Fonds der Commerzbank, die VC-Firma btov, Partch, der größte französische VC Funds sowie Capnamic Ventures in Köln mehr als zehn Millionen Euro in das Unternehmen ein. „Allen ist gemeinsam, dass sie für uns eine Perspektive in der Entwicklung eigener Versicherungsprodukte sehen“, so Wiens.

Vom Versicherungsmakler zum Versicherer

Bereits parallel zur Investorensuche hatte Getsafe seine Fühler zu Versicherern ausgestreckt, um die Vision von den eigenen Produkten zu realisieren. Ende 2016 wurde man sich schließlich mit der Münchner Rückversicherungen (Munich Re) einig und begann eine weitreichende Kooperation zu definieren. Dabei wurden zunächst vier Versicherungsprodukte festgelegt, von denen mit einer Privathaftpflicht und einer Zahnschutzversicherung Anfang 2018 zwei auf den Markt gebracht wurden. Spätestens im Herbst sollen eine Versicherung zum Einkommensschutz sowie eine moderne private Rentenversicherung mit gestaffelten Garantien folgen.

Im Rahmen der Partnerschaft mit der Munich Re sichert der Rückversicherer die Policen von Getsafe ab und liefert Teile der Infrastruktur. Die Vereinbarung wurde auf Basis „Pay-Per-Use" geschlossen – das heißt, das Startup muss nur dann zahlen, wenn wirklich Verträge abgesichert werden müssen. Eine Versicherungslizenz von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) benötigt Getsafe wegen der Kooperation mit der Munich Re indes nicht. Formal mietet das Insurtech die Versicherungslizenzen von einer Tochtergesellschaft des Rückversicherers mit Sitz in Malta und kann somit eigene Versicherungen anbieten sowie alle Prozesse abwickeln.

Eine App für alle Fälle

Ziel der Jungunternehmer ist es, dass insbesondere Berufseinsteiger nur Getsafe benötigen, um ihren Versicherungsschutz aufzubauen. Alle Policen sollen dabei auf einfache, flexible Art und Weise transparent zu handeln sein. Kunden können ganz einfach per App, in Echtzeit und papierlos ihren Versicherungsschutz abschließen, ändern und auch wieder kündigen. Auch die direkte Schadensmeldung ist möglich. Die App von Getsafe bündelt alle Versicherungsverträge digital an einem Ort, und hat den Anspruch, automatisch den Schutz und die Tarife des Versicherten zu bündeln. 

„Außerdem sollen Überversicherungen verhindert werden“, so Wiens, der dies als weitverbreitetes Problem in Deutschland ansieht. Bis Ende soll daher ein Kundenportfolio stehen, das 90 Prozent der wichtigsten Risiken abdecken kann. Nicht mit dabei wird die KFZ-Versicherung sein, insbesondere aufgrund ihrer nachlassenden Bedeutung. Damit wird das Konzept der Allsparten-Versicherung ins digitale Zeitalter überführt. Durchschnittlich zehn Prozent des Versicherungsbeitrags bleiben für die Dienste von Getsafe als Provision bei dem Startup in Heidelberg hängen.

In dem Markt gebe es keinen digitalen Player im In- und Ausland, der ein ähnliches Produkt anbieten könne, meint Wiens. Verwandte Wettbewerber erkennt er in den US-Anbietern Lemonade und Oscar sowie in den deutschen Insurtechs Ottonova und Coya. Mit über 100 Neukunden pro Tag bei den unter 35-Jährigen sieht sich Getsafe unter den Top5 als der am schnellsten wachsende deutsche Versicherer.

Derzeit denken die Heidelberger über eine weitere Finanzierungsrunde zum Ende des Jahres nach. Wie die aussehen werde, könne man noch nicht absehen, sagen die Gründer, die zusammen noch knapp 50 Prozent an Getsafe halten. Um auch weiterhin flexibel agieren zu können, legen Wiens und Blaesing Wert darauf, auch künftig ein überschaubares Unternehmen mit flachen Hierarchien zu führen. Daher werde man nie allzu groß werden. „Wir wollen uns den Gründergeist bewahren“, so Wiens. Denn im Gegensatz zu Beschäftigten, die in Konzernstrukturen groß geworden sind, geht man nach ihren Erfahrungen als Gründer unbelastet an die Dinge heran. „Wir können Ziele durchsetzen und das beste Produkt entwickeln und müssen keinen Partikularinteressen dienen“, sagt er. So soll es auch im jetzigen Domizil von Getsafe bleiben. Denn bereits 2016 war man der Drei-Zimmer-Wohnung von Wiens, die bis dahin die Firma beherbergt hatte, mit 16 Mitarbeitern entwachsen. Seitdem beherbergt eine alte, umgebaute Zigarrenfabrik in der Nähe des Hauptbahnhofes in Heidelberg die Betriebsräume von Getsafe. Hier trägt allein schon die Gründerarchitektur aus dem 19. Jahrhundert zur Aufrechterhaltung der Gründerkultur bei. Und das kreative Umfeld sowie die kurzen Wege tun ihr Übriges dafür, dass bei Getsafe weiterhin ein wacher Geist weht.